Weißt du, es gibt diese Momente, in denen man einfach nur eines will: einen ehrlichen Drink. Kein Getüddel, kein Rauch, keine fünfzehn exotischen Zutaten, die man erst aus Übersee bestellen muss. Einen Drink, der so solide und verlässlich ist wie ein guter Freund. Ein Drink, der Geschichte atmet und Geschichten schreibt. Das ist der Moment für einen Old Fashioned. Vergiss alles, was du in schummrigen Bars für teures Geld in einem bauchigen Glas serviert bekommen hast – heute gehen wir zurück zu den Wurzeln. Denn der einzig wahre Klassiker ist kein süßer Sirup-Cocktail, sondern eine feierliche Zeremonie, die den Whisky (oder den Rye) in den absoluten Mittelpunkt stellt. Mach es dir gemütlich, hol dein Rührglas heraus – heute mixen wir nicht nur einen Drink, wir zelebrieren eine Legende.
Zutatenliste
Die Schönheit liegt in der Einfachheit. Du brauchst nicht viel, aber das, was du brauchst, sollte von Qualität sein. Denk daran: Bei so wenigen Zutaten hat jede einzelne einen gewaltigen Auftritt.
6 cl (ca. 2 oz) deines Lieblingswhiskys. Traditionell ist ein Rye Whiskey (etwas würziger, trockener) die historisch korrekte Wahl, ein kräftiger Bourbon (süßer, vanilliger) funktioniert aber genauso wunderbar. Nimm einen, den du auch pur gerne trinkst.
1 Würfel (ca. 1 TL) Rohrzucker oder weißer Kandiszucker. Rohrzucker bringt eine leichte Melassenote, die super zu Bourbon passt.
2-3 kräftige Spritzer Angostura Bitters. Das ist das nicht-verhandelbare Gewürzregal des Drinks.
Ein Schuss stilles Wasser (zur Lösung des Zuckers).
Ein großes Stück Orangenschale (nur die ölhaltige, farbige Schale, ohne die weiße Bitterhaut) für das Aroma.
Ein großer, solider Eiswürfel (idealerweise aus klarem Eis). Kleine Würfel schmelzen zu schnell und verwässern dir die Show.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
Hier wird nicht geschüttelt, hier wird gerührt. Mit Bedacht. Stell dir vor, du bereitest ein kleines Ritual vor.
Nimm ein stabiles Rührglas (oder das untere Teil eines Boston Shakers). Gib den Zuckerwürfel hinein.
Träufle die Angostura Bitters direkt auf den Zuckerwürfel. Sie sollen ihn durchdringen, nicht nur daneben liegen. Das sind deine 2-3 kräftigen Spritzer – sei hier nicht zu zaghaft!
Füge einen kleinen Schuss stilles Wasser hinzu (etwa einen Teelöffel). Jetzt kommt der erste magische Schritt: Nimm dein Rührstäbchen oder einen Barlöffel und zerquetsche den Zuckerwürfel sanft, während du ihn mit den Bitters und dem Wasser vermengst. Reibe die Mischung am Boden des Glases, bis du eine leicht sirupartige, fast schon matschige Paste hast. Keine Zucker-Körner mehr! Dieser Schritt ist entscheidend und wird oft übersprungen – er garantiert eine gleichmäßige Süße ohne sandiges Gefühl am Schluss.
Gib nun den großen Eiswürfel in das Glas. Gieße den Whisky darüber.
Jetzt heißt es: Rühren. Langsam, bedächtig, mit Gefühl. Etwa 30-40 Umdrehungen sind ein guter Richtwert. Du willst den Drink auf Trinktemperatur herunterkühlen und ganz leicht verdünnen, damit sich die Aromen öffnen. Nicht hetzen. Der Außenseite des Glases sollte eine leichte Reifschicht anzeigen, dass es kalt genug ist.
Nimm dein Old Fashioned Glas (dieses kurze, dicke Glas mit schwerem Boden). Du kannst den Drink nun entweder durch ein Sieb aus dem Rührglas in das Servierglas umgießen, oder – noch klassischer – einfach den großen Eiswürfel aus dem Rührglas direkt in das Servierglas gleiten lassen und den Drink darüber gießen.
Zum Finale: Nimm dein großes Stück Orangenschale. Halte es mit der farbigen Seite nach unten über das Glas, knicke es leicht, damit die Öldrüsen platzen, und zücke ein Feuerzeug oder ein langes Streichholz. Fackle die Schale kurz an, sodass die ätherischen Öle aufblitzen und sich über die Oberfläche des Drinks legen. Reibe dann den Rand des Glases mit der Innenseite der Schale ein und lass sie als Duftspender in den Drink fallen. Keine Scheibe, keine Kirsche (es sei denn, du willst es später in den Variationen probieren).
Anmerkungen und Variationen
Der häufigste Fehler und wie du ihn vermeidest
Die Todsünde ist ein zu süßer Old Fashioned. Das passiert, wenn man statt des Zuckerwürfels fertigen Simple Syrup verwendet und dann auch noch zu viel davon. Der Zucker im originalen Rezept dient nicht der Süßung eines sauren Drinks, sondern ist ein Mildungsmittel, das die scharfen Kanten des Alkohols und der Bitters sanft abrundet. Die Süße sollte dezent im Hintergrund spielen und den Whisky unterstützen, nicht übertönen. Wenn du Syrup verwenden willst (es ist bequemer), dann starte mit maximal einem halben Teelöffel und taste dich heran.
Spielwiese für Entdecker
Sobald du das Grundrezept im Blut hast, wird es erst richtig spannend. Der Old Fashioned ist ein wunderbares Gerüst zum Experimentieren.
Bitters-Variationen: Statt reinem Angostura probiere einen Spritzer Orange Bitters dazu oder ersetze ihn komplett durch schokoladige Black Walnut oder würzige Peychaud’s Bitters. Eine neue Bittersorte bedeutet einen komplett neuen Drink.
Zuckerexperimente: Wie wär’s mit einem Stückchen Moscovado-Zucker für tiefe Karamellnoten? Oder du löst den Rohrzuckerwürfel in einem kleinen Schuss Maple-Syrup auf – perfekt für einen herbstlichen Bourbon Old Fashioned.
Der „Fancy“ Twist: Hier darf dann doch die Kirsche kommen – aber bitte eine Luxardo-Kirsche oder eine selbst eingelegte. Zusammen mit der Orangenschale wird das der leicht aufgedonnerte, aber ungemein leckere Bruder des Puristen-Drinks.
Spirit Swap (der ultimative Move): Das Konzept funktioniert mit fast jedem gehaltvollen Spirit. Probier es mit einem dunklen, aromatischen Rum, einem alten Brandy oder sogar einem rauchigen Mezcal. Die Grundregel bleibt: Spirit + Süße + Bitters + Aromaschale. Du wirst staunen, wie ein simples Konzept so viele Welten eröffnet.
Am Ende des Tages geht es nicht um dogmatische Strenge, sondern um Respekt vor den Zutaten und dem Moment. Nimm dir die Zeit, zerdrücke den Zucker mit Hingabe, rühre mit Geduld und genieße das Ergebnis. Denn ein selbst gemachter Old Fashioned nach diesem Rezept ist mehr als ein Cocktail – es ist eine kleine Auszeit, in Flaschen abgefült. Auf dass dein nächster der beste sei. Prost